Page 206 - KELAG Geschäftsbericht 2018
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Giselbert Hoke









                                                                  zwei Emailwände im KELAG-Hauptgebäude erzählen von
                                                                  üppiger  morphologischer  Phantasie in einer  symbolisch
                   Homo Faber                                     Die späteren Emailarbeiten, wie zum Beispiel die große
                                                                  anmutenden Formensprache.



                   von Tomas Hoke                                 Wand im Schau-Kraftwerk Forstsee, sind das Ergebnis jah-
                                                                  relanger Verfeinerung der Technik, die allerdings nie zum
                                                                  Selbstzweck wurde, sondern sich dem Raum und dem
                                                                  Thema unterzuordnen hatte. Thematisch spannt sich der
                          |                                       Bogen von den Gärten bis zu den großen Themen Masse/
                    In einer Zeit, da die Technikgläubigkeit noch eine glorreiche   Individuum oder der Sehnsucht nach unberührter Natur
                    Zukunft paradiesischen Ausmaßes versprach, als in Kärnten   und der Gefährdung dieser durch ungebremste Technik-
                    noch die Schubladen mit den Plänen zu zwei Atomkraft-  gläubigkeit.
                    werken nicht ganz zugeschoben waren, malt Hoke Gärten.
                    Als hätte er vorausgesehen, dass die Zukunft der Energie-  Die späten Bilder, insbesondere die NADA-Serie und die
                    gewinnung nicht den Visionen der Techniker folgen wird,   „Palettenbilder“, spielen sich in einem abgeklärten Raum
                    sondern denen der Gärtner, also der Träumer.   eines erfahrenen Künstlers ab, denn das postulierte ab-
                                                                  solute Nichts ist unerreichbar, eine Vorstellung, die einer
                    Das Triptychon „Kärntner Landschaft“ 1969/70 im großen   Konstruktion bedarf, um sichtbar zu werden. Vielleicht ist
                    Sitzungssaal  mutet  surreal  an,  beim  genauen  Betrachten   in den NADA-Bildern die Auflösung des dreidimensionalen
                    stellt sich heraus, dass Hoke hier zwischen der realen Sorge   Raums Thema oder besser, der Verlust desselben. Die Bilder
                    um die Zerstörung und dem Beschwören einer paradiesi-  sind gegenstands- und raumlos, sie wirken wie Partituren
                    schen Landschaft hin- und hergerissen ist. Die linke Tafel   in ihren Grafismen. Die Leere ist nicht das Nichts, vielmehr
                    zeigt Schloss Saager, ausgesetzt und stark – hoch auf einem   kann man hinter diesen Bildern vielleicht jene ontologische
                    unüberwindlichen Felsen, auf der rechten Tafel brennt das   Frage vermuten, die ein Künstler im Spätwerk stellt: Kommt
                    Refugium und versinkt in der Ebene. Dazwischen, wie in    das Sein aus dem Nichts? Ist gerade die Kunst ein Beweis
                    einem mittelalterlichen Gemälde, Frau und Mann (Adam   dafür, dass die menschliche Existenz auf dieser Welt aus
                    und Eva?) in einer von Leben durchfluteten, fast anakreon-  sich heraus ein Bild von dieser schafft?
                    tisch anmutenden Landschaft.
                                                                  Mitte der 1960er-Jahre begann das Experiment mit den
                    Peter Rosei schreibt zu dieser mittleren Tafel: „Erst kommen   Lithografiesteinen mit dem Aufstellen einer uralten Litho-
                    die Berge im Schnee, dann kommen die Wälder und Hügel,   presse der Firma Krause, ein paar wenigen Steinen und ei-
                    zuletzt kommen die Täler und Felder, wo sie leben an abge-  nem alten Buch über das Lithografieren. Hoke zeichnete
                    trennten Orten, Mann und Frau. Aber die Sehnsucht bindet,   direkt mit Lithotusche auf den Stein. Das bedeutet, dass
                    und die Bäche fließen von den Bergen und die Flüsse strö-  Korrekturen kaum möglich waren – das Weiterbearbeiten
                    men durch das Land, die Zeit vergeht, die Fische schwim-  mit Säuren und Bimsstein bewirkte, dass es keine Auflage
                    men heimwärts ins Meer. Man sieht die Fahne wehen, sie   mit gleichen Ergebnissen gab, jeder Druck war in dieser An-
                    wird eingeholt werden, das Schiff wird sinken.“  fangsphase eigentlich ein Unikat.

                    Lange bevor Hoke in der realen Landschaft zu malen be-  Später, als die Technik durch die Anleitung eines Meisters der
                    ginnt, hat seine „innere Landschaft“, eine geträumte, oder   Lithografie, Riko Debenjak aus Ljubljana, professionalisiert
                    vielleicht sogar romantische, Gestalt angenommen. Paral-  worden war, wurde auch das Steinlager massiv vergrößert.
                    lel dazu entstehen die ersten Emailarbeiten, allesamt mit   Der Landkartenverlag freytag & berndt hatte großformati-
                    „Gärten“ betitelt. Sie scheinen aus der  Vogelperspektive   ge Lithosteine in bester Qualität abgestoßen und so kamen
                    betrachtet vielleicht wie uralte Landkarten, auf denen die   20 Tonnen davon nach Saager. Auf vielen waren noch die
                    bekannte Erde vom Urmeer umgeben dargestellt ist. Hokes   Landkarten der Monarchie zu finden, die nach und nach
                    gläserne Gärten werden auf Kupferblech geschmolzen. Die   abgeschliffen wurden, um ab nun der Kunst zu dienen.









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